Orion Walsh und Jante im Interview: "Mein Vater wollte mir Gitarre beibringen, kurz darauf verstarb er"

Das ArschKreativ Kunstfestival ist zu Gast im Lesecafé Odradek und als musikalische Performer wurden Orion Walsh und Jante eingeladen. Die Location - gemütlich, als wäre man in einem großen Wohnzimmer mit Bar. Auch die Bühne ist ein Schmuckstück und verstärkt mit selbstgebautem riesigem Bücherregal und zahlreichen alten Lampenschirmen im Hintergrund das Wohnzimmerambiente. Schaut man in die Menge, sieht man Zuhörer, die auf Sesseln und Stühlen sitzen - eng beieinander. Andere wiederum hocken auf dem Boden, den Blick stets zum Künstler gerichtet. Mal bittet Orion Walsh einen Zuschauer auf die Bühne, um Kazoo zu spielen. Mal animiert Jante die Crowd zum taktvollen Mitklatschen. Und dann sind da noch die vielfältigen Instrumente, die benutzt werden. Gitarre, Mandoline, Fuß-Tambourin, Ukulele, Kazoo und Mundharmonika harmonieren perfekt in den Songs der Musiker. Am Ende wird es ein Superabend mit Superkünstlern. Wie ihr wahrscheinlich schon erraten habt, waren wir dabei, und haben anschließend ein Interview mit Orion Walsh sowie Jante und dessen Mitmusiker Tim geführt. 

Lyryx: Vielen Dank, dass ihr euch Zeit für das Interview nehmt. Wir haben es 0:30 Uhr und Ihr habt gerade zwei fantastische Auftritte gespielt. Aber das war nicht euer erster gemeinsamer Auftritt, sondern Ihr seid seit mehreren Tagen zusammen auf Tour. Wie ist eure Tour bisher verlaufen?

 

Orion Walsh: Diese Tour ist etwas sehr Spezielles, weil es eine Herausforderung ist, zwei verschiedene Liedermacherstile zu vereinen. Mit Jante unterwegs zu sein ist das Highlight meiner anderthalbmonatigen Europareise.

 

Lyryx: Ihr habt heute Abend eine Wahnsinnsshow abgeliefert. Das Publikum war sehr ruhig, für Liedermacher die perfekte Atmosphäre. Wie habt ihr den Abend empfunden? 

 

Orion Walsh: Es waren sehr viele Leute da, die aufmerksam zugehört haben. Man konnte sehen, dass die Zuhörer die Show genossen haben.

 

Jante: Für uns war es auch ein besonderer Abend. Ich möchte noch erwähnen, wenn Orion letztes Jahr nicht die Idee von einer gemeinsamen Tour gehabt hätte, dann wäre der Abend in dieser Konstellation nicht zustande gekommen. Das Konzert war sehr gut besucht und es war unglaublich, wie aufmerksam die Leute waren. Das kennen wir auch anders.

 

Tim: Es ist auch für uns das erste Mal, jeden Tag einen Auftritt zu haben. Das ist für uns eine sehr krasse Erfahrung. Wir haben nur einen Pausentag eingelegt, als Orion in Berlin war. An diesem Tag war es schon seltsam für uns, keine Musik zu machen, weil wir uns daran gewöhnt hatten und es sehr viel Spaß macht. Das Coole ist, dass man so viel Leute kennenlernt und auch immer herzlich aufgenommen wird. Vor allem bei Wohnzimmerkonzerten herrscht eine sehr schöne Atmosphäre. Das Odradek hatte dieses gemütliche Ambiente.

 

Lyryx: Jante, wir kennen uns jetzt seit einem halben Jahr. Wir entdeckten damals Euer Musikvideo auf Youtube und waren so begeistert, das wir Euch für eine Veranstaltung gebucht haben. Wir haben euch zudem als solidarische und bodenständige Künstler kennengelernt. Ihr seid in Chemnitz die Liedermacher, die mit ihrer Musik besonders herausstechen. Wie waren eure Anfänge bzw. wie habt ihr als Musiker zueinander gefunden und was war der Beweggrund, dem Genre beizutreten?

 

Jante: Kennengelernt habe ich Tim, als ich ein Jahr lang in Mittweida studiert habe. Damals habe ich noch keine Popmusik gehört. Irgendwann stieß ich auf die Musik von Mighty Oaks, die für mich sehr inspirierend war. Daraufhin habe ich beschlossen, akustische Musik zu machen. Anfang 2014 lernte ich jemanden kennen, der auch Interesse für diese Musik hatte. Ein halbes Jahr lang spielten wir gemeinsam englische Songs, bis persönliche Differenzen auftraten. Unter anderem hat mein ehemaliger Musikkollege den geplanten Urlaub in Irland abgesagt und für ihn ist Tim eingesprungen. In Irland haben wir zwei Straßenmusik gemacht, sind von Stadt zu Stadt gezogen. Ich habe dann für mich persönlich entschieden, das Duo aufzulösen und alleine weiterzumachen. Daraus entstand der Künstlername Jante. Tim unterstütze mich aber musikalisch weiter und ein dritter Musiker schloss sich uns an. Irgendwann habe ich einen deutschen Song gespielt und das Feedback war ganz anders als bei den englischen Songs. Darauf hin beschloss ich, mehr deutsche Texte zu schreiben. 

 

Tim: Als wir uns entschieden haben, gemeinsam Musik zu machen, ist das lustigerweise im gleichen Zeitraum gewesen, in dem wir Orion kennengelernt haben. So gesehen hat unsere Musik ihre Wurzeln in Irland. 

 

Lyryx: Das ist eine sehr schöne Geschichte. Orion - Du , Jante und Tim seid zwar unterschiedliche Musiker, aber ihr scheint als Menschen sehr gut zu harmonieren. Wie hast du das Kennenlernen in Irland in Erinnerung?  

 

Orion Walsh: Wir haben uns in einem Pub kennengelernt. Die beiden standen da und haben kein Bier getrunken , sondern nur der Musik gelauscht. Ich habe mich dann mit ihnen unterhalten und schnell gemerkt, das sie genauso auf die Musik fokussiert waren wie ich. 

 

Lyryx: Du bist gerade sehr viel in Deutschland und den angrenzenden Euroländern unterwegs. Was ist für Dich an Deutschland so reizvoll? 

 

Orion Walsh: Vor vier Jahren bin ich mit meiner Ex-Freundin das erste Mal hier auf Tour gewesen - 24 Auftritte in 25 Tagen. Ich bin damals nach Deutschland kommen, weil mein Ur-Großvater aus Ostfriesland stammt und ich den Ort kennenlernen wollte, an dem er gelebt hat. Letztes Jahr spielte ich dann für zwei Wochen meine zweite Tour in Deutschland.

 

Lyryx: Habt Ihr eigentlich alle eine musikalische Ausbildung genossen? Und was waren bzw. sind eure musikalischen Einflüsse?

 

Orion Walsh: Ich habe früher im Schulchor gesungen. Dadurch wurde ich an den Gesang herangeführt. Mit 15 Jahren habe ich angefangen, Gitarre zu lernen, direkt nachdem mein Vater gestorben war. Mein Vater konnte Gitarre spielen. Er hatte mir gesagt, dass er es mir beibringen würde, aber kurz darauf ist er verstorben. Das war für mich der Anlass, Gitarrenstunden zu nehmen. Später war ich Mitgleid in einer Rockband ("Slow Coming Day", d. Red.). Wir waren relativ erfolgreich, hatten sogar einen Plattenvertrag. Vor wenigen Jahren habe ich dann das Folk-Projekt "Orion Walsh" gestartet. Die größten Einflüsse für diese Musik waren und sind Johnny Cash und Bob Dylan.

 

Jante: Bei uns waren es Mighty Oaks, die den größten Einfluss hatten zu Beginn. Obwohl ich sagen muss, dass für unsere Songs verschiedene Interpreten als Inspiration dienten. Bei einem Lied war es Philipp Poisel, bei dem anderen Joris. Auch Curse hat mich textlich beeinflusst bzw. mittlerweile auch Sebastian Hackel. Meine ersten Gesangserfahrungen habe ich 2008 in der Band ampflite gesammelt, in der ich auch heute noch Sänger bin. Vor zweieinhalb Jahren begann ich dann mit Gesangsunterricht. Gitarre spielen habe ich mir selbst beigebracht. 

 

Tim:  Als Kind hatte ich ein Spielzeugkeyboard (lacht). Ich fing sehr spät mit Musikmachen an. Gitarrespielen habe ich mir selbst beigebracht. Mandoline spiele ich erst, seit Jante auf mich zukam. Er hatte die Mandoline von einem Kumpel vom Flohmarkt und meinte: 'Versuch dich mal daran! Das könnte vom Sound her gut passen.' Ukulele konnte ich schon vorher spielen. Ich habe mir das Spielen per Online-Lehre angeeignet. Mein musikalischer Einfluss ist der Rock bzw. Hard-Rock. Durch Jante bin ich aber auch auf den Geschmack von ruhiger Musik gekommen.

 

Jante: Was wir drei gemeinsam haben ist, das wir ursprünglich aus dem Rockbereich kommen. Ich und Orion haben schon Rockmusik gemacht und Tim immer Rockmusik gehört.

 

Lyryx: Ein Markenzeichen eurer Musik sind die verschiedenen Musikinstrumente, die euren Sound ausmachen. Ist es für Euch eine Herausforderung neue Instrumente einzubauen? 

 

Orion Walsh: Seit ich mit Gitarre angefangen habe, war für mich klar, das ich noch Fuß-Tambourine spielen werde. Später kam noch Mundharmonika und Kazoo hinzu. Ich mag es vielfältige Instrumente einzubauen. Auf meinen Alben habe ich sogar Bass und Orgel eingespielt. 

 

Jante: Tim spielt gern Ukulele. Auf die Idee mit der Mandoline sind wir erst durch Mighty Oaks gekommen, weil die dieses Instrument bei einigen Songs verwendet haben. Singer/Songwriter, die nur Singen und Gitarre spielen, können schnell langweilig werden. Um dem zu entgehen, habe ich angefangen Mundharmonika, Fuß-Trambourin und Kazoo zu spielen. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, nicht immer die gleichen Instrumente zu verwenden. Die meisten Popsongs sind  nach den gleichen Schemen aufgebaut, mit einfachen Akkorden. Ich schreibe gerade einen Song in einer speziellen Gitarrenstimmung. Dadurch lerne ich das Instrument neu kennen. Ich tüftle dann herum, um herauszufinden, was in dieser Stimmung gut klingt auf der Gitarre und was nicht. Das herauszufinden macht mir besonders Spaß. 

 

Tim: Ich bin im Moment dabei, mir neue Techniken auf der Ukulele und Mandoline beizubringen. Als Ergänzung zu Jante bin ich manchmal derjenige, der unten alles füllt oder spiele Solo. Wir versuchen, in jedes Lied etwas Besonderes einzubauen, sodass die Songs sich unterscheiden. 

 

Lyryx: Was können wir in naher Zukunft von Euch erwarten? Sind neue Alben geplant?

 

Orion Walsh: Mein neues Album "Love Isn't What You Would Expect" kann man auf meinem Bandcamp-Profil anhören und kaufen. 

 

Jante: Wir schreiben gerade neue Songs. Wir haben uns vor ein paar Monaten mit einem Produzenten zusammengesetzt, der schon mit bekannten Künstlern zusammengearbeitet hat. Wir werden die Songs demnächst als Demo aufnehmen und ihm schicken. Ungefähr im März 2016 wollen wir die Songs fertig haben und im Herbst des selben Jahres unser erstes Album veröffentlichen. 

 

Lyryx: Wir als Liedermachervereinigung haben Euch als Künstler neu dazu gewonnen. Wie seht Ihr die Chemnitzer Liedermacherszene? 

 

Jante: Ich kenne jetzt keine anderen Liedermacherszenen. Ich glaube aber nicht, dass es einen Ort gibt, an dem so ein reger Austausch stattfindet wie hier in Chemnitz - der mehr partnerschaftlich als Konkurrenz ist. Ich glaube auch, das die Qualität gut ist. Auch wenn Chemnitz nicht die kulturellste Stadt in Sachsen ist, kann hier einiges bewegt werden. Die LYRYX-Konzertreihen haben großes Potenzial. 

 

Lyryx: Jante, was war für Dich der Beweggrund den Song "Von Land zu Land" zu machen? 

 

Jante: Die Inspiration entstand im Oktober 2013, als in den Nachrichten von einem gesunkenen Flüchtlingsboot mit fast 600 Toten berichtet wurde. Mir war dieses Ausmaß vorher gar nicht bewußt. Schon immer habe ich mit meiner Rockband kritische Songs gemacht. Mit Jante wollte ich komplett unpolitisch bleiben. Eines meiner ersten Lieder ist dann doch politisch geworden, weil mich das Thema emotional berührt hat. Das Video dazu kann man sich auf Youtube anschauen.

 

Lyryx: Orion nach deiner Europatour wirst du zurück nach Amerika fliegen. Wann kommst Du nächstes Jahr wieder nach Chemnitz? 

 

Orion Walsh: Nächstes Jahr im Sommer werde ich wiederkommen.


Lyryx: Dann können wir uns ja schon mal auf weitere Konzerthighlights mit Orion Walsh im nächsten Jahr freuen. Viele Dank Euch allen für das Interview.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0